Von Aimo zu Milo und wieder zurück

Vor 7 Jahren hob ich einen Hund namens Aimo aus einem stinkenden spanischen Transporter. Da war mir noch nicht klar, was ich alles mit diesem Kerl erleben würde. Das ist die kurze Geschichte über eine lange, unglaubliche Entwicklung eines ängstlichen, verdreckten Straßenhundes aus Barcelona, der zu einem stolzen, schönen Begleithund in Wiesbaden wurde. 

 

»Mein Gott, wie sieht der denn aus?!«, dachte ich, als ich ihn mir zu Hause näher betrachtete. Er blinzelte mich vorsichtig an. Als würde er fragen, »so schlimm?« und blieb sicherheitshalber unter dem Küchentisch sitzen. Mit seinem hängenden Kopf, seiner buckligen Körperhaltung, dem stumpfen, struppigen hellbraunem Fell mit kahlen Stellen, dafür Knochen, die an Hüfte und Rippen herausragten, bot er nicht gerade ein ansehnliches Bild. Dazu stank er bis zum Himmel nach Straße, Müll, Dreck, Stress und Krankheit, irgendwie süßlich, faulig.

Ungefähr 3 Jahre sollte er alt sein, doch er wirkte steinalt, nicht nur körperlich, auch seine Augen. Diese wirkten jedoch nicht müde, sondern wissend. Sein Blick, fast weise. Ich hatte auf der einen Seite sehr viel Respekt vor ihm und auf der anderen Mitleid.

Eine Tierschützerin in Spanien hatte lange versucht ihn einzufangen, bis sie sein Vertrauen erlangte und es ihr gelang. Sie wollte ihn nicht sterben sehen. In dieser Gegend werden die Hunde mit Absicht überfahren, erschossen und vergiftet. Sie nannte ihn Aimo »der Liebe«, doch ich empfand ihn damals nicht als sehr liebenswürdig und machte aus Aimo einfach Milo, das machte für ihn keinen großen Unterschied.

Wurde Milo von Menschen bedrängt, knurrte er tief und zeigte all seine Zähne und ging auch mal bellend nach vorne. Dazu hatte er Angst vor Fahrrädern, Autos, Kinderwägen, Tüten, Schirmen, Hüten, Schildern vor Läden, Joggern, rennenden Kindern, Zigarettenrauch, Gewitter, Feuerwerk und sogar vor stärkerem Wind. Bei diesen Dingen knurrte er nicht, sondern erstarrte und zitterte am ganzen Körper, hyperventilierte fast bis zur Ohnmacht und versuchte irgendwann zu fliehen.

Da ich mich mit angstaggressiven Hunden auskenne, kam er zu mir. Ich hatte davor schon eine Hündin aus schlechter Haltung geholt, die anfangs direkt zubiss, wenn sie Angst bekam und ich es nicht schnell genug für sie regelte. Milo sollte eigentlich von mir vermittelt werden, sobald er bereit dazu und gefestigter war.

Heute, fast 7 Jahre später, sitzt er immer noch in meiner Küche, aber nur, wenn er auf sein Futter wartet und nicht mehr unter dem Tisch. Ansonsten hat er sich entschieden, einfach bis an sein Lebensende an meiner Seite zu bleiben und diese Entscheidung hat er erfolgreich mit viel Charme durchgesetzt.

Seine Entwicklung ist einzigartig. Es war ein Weg mit vielen Höhen und Tiefen, Fortschritten und auch Rückschlägen, Lachen und Heulen, Hoffnung und Verzweiflung. Es hat sich mehr als gelohnt und Milo hat nicht nur viel von mir gelernt, ich kann fast sagen, ich habe noch mehr von ihm gelernt. Ich bleibe ruhiger, lasse jedem seine Zeit, die er für einen Lernprozess braucht, atme regelmäßiger ruhig in den Bauch, bin aufmerksamer im Hier und Jetzt und gehe insgesamt gelassener durch`s Leben. Milo hat ein bisschen Spanien in meinen Alltag gebracht.  Mit Druck und Schnelligkeit habe ich bei ihm nie etwas erreicht, da macht er dicht und »redet« einfach gar nicht mehr mit mir. Als ich ihn zum Beispiel an Menschen in der Stadt gewöhnen wollte, ging er mit mir nur weiter, wenn ich selbst ruhig und souverän voranging. Mit so einer Person an seiner Seite konnte er auch cool bleiben. Das heißt, ich musste meistens nichts an ihm korrigieren, sondern nur mich selbst in meinem Verhalten.

Wer ihn jetzt kennenlernt, kann sich kaum vorstellen, was für ein armseliger Hund er war. Sein Fell ist nun dicht und schön, sein Körper gut bemuskelt  und sein Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen ist fest. Er hat es geschafft, 95 Prozent seiner Ängste zu bewältigen. Sogar bei Gewitter ist er entspannt. Übrig ist nur eine bestimmte Art von Knallgeräuschen, wie Böller oder ein Gewehrschuss, die ihm starke Angst machen. Er kommt jedoch zu mir, wenn es knallt und läuft nicht weg.

Ich kann Milo überall mit hinnehmen, er fällt immer positiv auf, da er einfach gut hört und ich mich auf ihn verlassen kann. Er läuft ohne Leine mit mir durch die Straßen, schaut niemanden schief an, trottet einfach seinen Weg und sieht dabei irgendwie zufrieden aus. Ohne übertrieben nach mir zu schauen, ist er ständig wie zufällig in meiner Nähe. Er wirkt nicht wie ein trainierter Hund und trotzdem hält er an jeder Straße an, wartet bis ich rübergehe und schließt sich mir selbstverständlich an. Setze ich mich an einen Tisch, legt er sich unter diesen, ohne dass ich etwas sagen muss. Sage ich unterwegs zu jemandem »Hallo!«, schaut er diese Person an und wedelt mit der Rute. Kommt uns ein angeleinter Hund entgegen, läuft er nah bei mir  und schaut einfach geradeaus. Freilaufende Hunde begrüßt er freundlich oder läuft in einem Bogen vorbei, je nach Hund.

Milo will einfach keinen Stress, denn den hatte er in seinen ersten Jahren zu genüge. Er geht Konflikten aus dem Weg, außer es muss sein, dann sagt einem Rüden oder aufdringlichem Junghund auch mal kurz, heftig, bestimmt und angemessen Bescheid.

Mit ihm zusammenzuleben ist eine absolute Bereicherung. Ich bin sehr dankbar für diese Freundschaft. Jetzt nenne ich ihn ab und zu wieder Aimo.

»So einen Hund möchte man nicht haben«

Und genau so ein Hund, den keiner haben möchte, hat mein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. Durch ihn mache ich Dinge, auf die ich vielleicht nie gekommen wäre. Draußen unterwegs war ich zwar schon immer gerne und gelaufen bin ich mit meinen Hunden auch viel. Aber plötzlich bewege ich mich auch noch radfahrend, rennend, mantrailend, canicrossend, bikejörend, Dinge versteckend und Spuren legend durch die Natur.

Luke ist ein Deutsch Kurzhaar / Podenco – Mix aus dem Tierschutz. Er hatte keinen guten Start ins Leben. Gefunden wurde er als Junghund in Spanien, halb verhungert mit gebrochenem Kiefer. Über einige Umwege landete er als ca. 9 Monate alter Jungspund bei mir. So richtig hat er es mit Menschen nicht und anfangs ignorierte er mich die meiste Zeit, was uns nicht gerade dazu verhalf, sehr schnell eine Bindung aufzubauen.

Heute ist unsere Bindung das, was unsere Beziehung ausmacht, denn er hat überhaupt keinen will-to-please und ein umso größeres Problemlösungsverhalten. Was ihn natürlich nicht dazu animiert, mit dem Menschen eng zusammenzuarbeiten. Aber arbeiten möchte er und damit er sich nicht beruflich selbständig macht, bin lieber ich sein Arbeitgeber.

Er ist vielseitig talentiert, aber ihm liegen Jobs, in denen er die Führung übernehmen darf. Dinge wie Obedience oder Agility wären beidseitig sehr frustrierend, daher wurde es die Suchhunde- und Zughundearbeit. Genau mein Ding. Von beidem bin ich sehr fasziniert und auch immer wieder von Hunden, die genau dafür ein Talent haben. In der Hinsicht passen Luke und ich ideal zusammen.

Dadurch und über die Zeit und weil ich ihn so nehme wie er ist, sind wir ein sehr gutes Team geworden. Er arbeitet inzwischen mit großer Begeisterung mit mir zusammen. Und auch »in seiner Freizeit« ist er stets an meiner Seite, wenn ich ihn brauche oder auch einfach «nur« rufe. Ich bin stolz auf ihn, dass er sich so toll entwickelt hat, er ist ein echter Kerl mit viel Humor, aber auch einer großen Ernsthaftigkeit und Konzentration, wenn es die Situation erfordert.

Er braucht zwar viel Aufmerksamkeit und fordert sie auch ein, ob das draußen sein Jagdtrieb ist, seine unbändige Energie und sein großer Bewegungsdrang oder Zuhause unbedingt Körpernähe zu brauchen und am liebsten immer Kuscheln zu wollen.

Inzwischen hat er zwar gelernt, auch alleine runterzufahren und zu schlafen, wenn wir irgendwo drinnen sind, aber man merkt ihm an, er hat viel Nähe nötig, um wirklich aufzutanken und ruhig und entspannt zu werden.

Ich liebe ihn für all das und er passt in mein Leben und zu mir. Er hält mich wach und fit und kreativ.

Aber ob ich mir bewusst nochmal so einen Hund aussuchen würde? Eher nicht 😉