Kraxln

Touren mit technisch anspruchsvollen Trails und kleinen Kraxeleien können gerade für immer schnelle Hunde (die die erst handeln und dann denken) einen langfristig positiven Effekt auf den Alltag haben. Die Hunde müssen hier sehr bewusst laufen und etwas vorausschauender sein, als sie es gewohnt sind. Sie werden durch den Untergrund langsamer gemacht. Das tut ihnen gut. An einigen Stellen sind sie auf Hilfe angewiesen. Das heißt, der Hund bezieht seinen Menschen automatisch mehr mit ein. Als Team muss man gegenseitig sehr aufeinander achten und sich anpassen. Nach dem gemeisterten Abenteuer steigt das Bewusstsein dafür, gemeinsam etwas geschafft zu haben. Das stärkt die Bindung und das Selbstbewusstsein.

Wenn die ausgewählte Tour für das Team zu anspruchsvoll ist, kann das Ganze jedoch einen gegenteiligen Effekt haben – daher langsam rantasten an alpines Gebiet.

Man kann fast überall Stellen finden, an denen man üben kann, auch wenn man dafür nicht direkt in die Berge fahren kann. Kleinere Felsen oder steile Abhänge, die man gerade abwärts zusammen bedacht gehen muss, gibt es fast überall. Schon kleine Dinge wie Mauern, Baumstämme, Bänke kann man nutzen, um den Hund bewusst an die eine oder andere Stelle springen und dann warten zu lassen. Schwierige Untergründe wie Gitter, oder sogar Gittertreppen, Uferböschungen eignen sich auch. Einfach mit offenen Augen durch die Welt gehen und ein bisschen kreativ sein.

Durch die kleinen Übungen geht man mit dem Hund in die Kommunikation, lernt ihn besser kennen und kann ihn besser lesen und weiß, wie er in welchen Situationen reagiert. So kann man nach und nach passender einwirken und bekommt so mehr Sicherheit im Miteinander.

Wichtiger als gute Erziehung: die richtige Sozialisierung

Einen Hund gut zu sozialisieren, bedeutet, ihn gesellschaftsfähig zu machen. Da uns unsere Hunde heutzutage fast überall begleiten, müssen sie sich schon früh an Dinge, wie Menschenmassen, LKWs, flatternde Markisen und Rollstühle gewöhnen. Um ihnen das so leicht wie möglich zu machen, sollte man seinem Vierbeiner all das in Vorbereitung auf sein Leben an unserer Seite zeigen.

Nur sehr zögerlich streckt Milo seinen Kopf nach vorne und schnuppert verhalten nach dem Leckerli in der Hand. Er fasst etwas Mut, schnappt es sich blitzschnell und verschwindet damit wieder unter den Küchentisch, um es dort in Sicherheit zu vertilgen.

Das war vor 7 Jahren, ein paar Tage nach seiner Ankunft in Deutschland. Milo ist ein Hund aus dem spanischen Tierschutz, der in seinen ersten Lebensmonaten, also in der wichtigen Prägungsphase eines Hundes, nicht viel kennengelernt hat. Entsprechend zeigte er Unbekanntem gegenüber sehr lange große Unsicherheit.

Eine gute Sozialisierung des Vierbeiners ist unerlässlich, um ihn zu einem angenehmen Begleiter zu machen, der entspannt auf neue Dinge zugehen kann.

Hunde sind die einzigen Tiere, welche den Menschen als vollwertige Sozialpartner anerkennen und seine Gegenwart oft sogar die der Artgenossen vorziehen. Das ist für uns eine hohe Verantwortung, der wir uns bewusst sein sollten.

Bevor wir unseren Hund vielen Umwelterfahrungen aussetzen, sollten wir ihm Sicherheit und Vertrauen geben. Mit uns im Rücken kann er neugierig durch die Welt gehen, weil er weiß, wo er Schutz findet.

Das erreicht man, indem man seinem Hund immer wieder beweist, dass man Führungsqualitäten besitzt, also Entscheidungen ruhig und souverän durchsetzt. Setzt ihr euch zum Beispiel eurem Hund gegenüber regelmäßig durch, traut er euch auch zu, dass ihr ihn sicher durch sein Leben zu führt und ihr euch sogar potentiellen Feinden gegenüber behaupten könnt. Er traut euch zu, die richtigen Entscheidungen zu treffen und stellt euch nicht andauernd in Frage.

Führen bedeutet auch, dass man sich als Mensch von Anfang an seinem Hund gegenüber abgrenzen kann und ihm nicht ständig das Gefühl gibt, man habe nur Augen und Ohren für ihn und sonst nichts Besseres zu tun. In einem wilden Wolfs- oder Hunderudel wird in erster Linie nach dem Führer geschaut. Wo geht er hin? Wie verhält er sich in neuen Situationen oder auch bei Gefahr? Ist er entspannt, ist das Rudel entspannt.

Wenn ein Hund nicht weiß, wo er im Rang steht, ist er in der Regel überfordert.

Mit ständiger Aufmerksamkeit auf euren Hund, suggeriert ihr ihm einen falschen Status. Er fühlt sich zu einer Entscheidung gezwungen, anstatt sich ganz einfach an euch zu orientieren. Und da die wenigsten unserer Vierbeiner von Anfang an souverän und cool sind, fangen sie zum Beispiel an, den riesigen Bus oder den großen Schäferhund anzubellen oder vor ihm zu fliehen und nicht zusammen mit euch einfach vorbeizulaufen. Zwar wird er das anfangs bestimmt mit riesigen Augen machen, jedoch ohne Panik, denn sein Mensch vermittelt ihm durch sein Verhalten, dass keine Gefahr besteht.

Sammelt der Hund früh viele Umwelterfahrungen, kann er sich auch später besser mit unbekannten Situationen auseinandersetzen.

Ob euer Hund nun auf dem Land oder in der Stadt aufwächst, er sollte von beiden Welten so viel wie möglich kennenlernen, denn man fährt sicher mal zusammen in den Urlaub oder die Lebenssituation verändert sich.

 Hundebegegnungen

Zeigt eurem Hund, dass es andere Hunde in jeglicher Größe, unterschiedlichen Alters, mit platten und langen Nasen, mit extrem viel Fell oder Falten gibt und dass diese oft körpersprachlich verschieden agieren. Besucht er nur die Welpenstunde, lernt er in erster Linie, dass man ungestraft potentielle Spielpartner umrennen darf oder dass man als Mobbingopfer herhalten muss. Nur ein älterer Hund kann ihm angemessen die Grenzen aufzeigen. Achtet darauf, dass er gerade anfangs nur mit gut sozialisierten Hunden in Kontakt kommt, damit er nicht gleich schlechte Erfahrungen macht.

Beachtet, dass außerhalb des eigenen Rudels kein Welpenschutz existiert, nur ihr als Halter können ihn schützen, indem ihr euch auch mal vor ihn stelt, wenn er überfordert ist oder ihr bei einer Hundebegegnung kein gutes Gefühl habt.

Stadt

Lauft die ersten Male durch ruhigere Wohngebiete und lasst ihn dort in Ruhe schnüffeln und schauen und geht nicht sofort durch die Innenstadt oder an den Bahnhof. Wenn es in die Stadt geht, am besten auch nicht gleich samstags zur stundenlangen Shoppingtour, damit wäre jeder Hund schnell überfordert. Es sind einfach zu viele Reize auf einmal, von den ganzen Gerüchen mal abgesehen. So viele Menschen, Kinder, alte Leute mit Krücken, Betrunkene, knatternde Mofas, glatte Böden, Gitterböden, Aufzüge… Geht lieber öfter und dann kurz mit ihm in die Stadt, dann muss er nicht alles auf einmal verarbeiten.

Besucht auch den Stadtpark mit eurem Hund, damit er Jogger und Radfahrer kennenlernt und nicht denkt, die Menschen rennen bedrohlich auf ihn zu.

Andere Tiere

Lasst euren Vierbeiner andere Tiere beobachten. Katzen, Pferde, Kühe, Schafe und Hühner, alles, was ihr so in eurer Umgebung oder auf einem Ausflug findet. Sogar in manche Zoos darf man seinen Hund mitnehmen.

Kinder

Kinder sind für Hunde oft kleine sehr unberechenbare Wesen, die plötzlich rennen, fallen, schreien, aufspringen und Dinge werfen. Wenn es die Möglichkeit gibt, lasst euren Hund erstmal mit Kindern zusammentreffen, die Hunde gewöhnt sind und dadurch ruhiger mit ihnen umgehen. Lasst ihn keinesfalls mit Kindern alleine, sondern habt immer ein Auge drauf.

Geräusche

Damit der Hund nicht geräuschempfindlich wird, gewöhnt ihn von Anfang an an klappernde Töpfe, fallende Bücher, laute Züge. Nehmt bei eurem Welpen zu Hause nicht zu viel Rücksicht, wenn er schläft. Bewegt euch ganz normal durch das Haus, denn er soll lernen, auch bei Lärm zur Ruhe zu kommen.

Achtet darauf, euren Hund nicht zu überfordern, ihr habt genug Zeit, ihm die Welt zu zeigen.

Egal was für Abenteuer ihr mit eurem Hund unternehmt, er sollte nicht überreizt werden. Fängt er an zu hecheln oder gar zu zittern, ist er gar nicht mehr zur Ruhe zu bekommen, ist es ihm zu viel. Er muss nicht jeden Tag etwas Neues kennenlernen, denn er braucht dazwischen Entspannung, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Tage mit viel Schlaf und Döserei, kurzen reizarmen Spaziergängen sind genauso wichtig für die Entwicklung.

 

Inzwischen hat Milo das meiste nachholen können und er sieht, bis auf lauten Knallgeräuschen, auch neuen Situationen gelassen entgegen.

Auch das ist also möglich, dass ein Hund die Sozialisierung weitestgehend nachholt. Je nach Charakter des Hundes dauert es länger und erfordert mehr Geduld und Know-How.

»So einen Hund möchte man nicht haben«

Und genau so ein Hund, den keiner haben möchte, hat mein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. Durch ihn mache ich Dinge, auf die ich vielleicht nie gekommen wäre. Draußen unterwegs war ich zwar schon immer gerne und gelaufen bin ich mit meinen Hunden auch viel. Aber plötzlich bewege ich mich auch noch radfahrend, rennend, mantrailend, canicrossend, bikejörend, Dinge versteckend und Spuren legend durch die Natur.

Luke ist ein Deutsch Kurzhaar / Podenco – Mix aus dem Tierschutz. Er hatte keinen guten Start ins Leben. Gefunden wurde er als Junghund in Spanien, halb verhungert mit gebrochenem Kiefer. Über einige Umwege landete er als ca. 9 Monate alter Jungspund bei mir. So richtig hat er es mit Menschen nicht und anfangs ignorierte er mich die meiste Zeit, was uns nicht gerade dazu verhalf, sehr schnell eine Bindung aufzubauen.

Heute ist unsere Bindung das, was unsere Beziehung ausmacht, denn er hat überhaupt keinen will-to-please und ein umso größeres Problemlösungsverhalten. Was ihn natürlich nicht dazu animiert, mit dem Menschen eng zusammenzuarbeiten. Aber arbeiten möchte er und damit er sich nicht beruflich selbständig macht, bin lieber ich sein Arbeitgeber.

Er ist vielseitig talentiert, aber ihm liegen Jobs, in denen er die Führung übernehmen darf. Dinge wie Obedience oder Agility wären beidseitig sehr frustrierend, daher wurde es die Suchhunde- und Zughundearbeit. Genau mein Ding. Von beidem bin ich sehr fasziniert und auch immer wieder von Hunden, die genau dafür ein Talent haben. In der Hinsicht passen Luke und ich ideal zusammen.

Dadurch und über die Zeit und weil ich ihn so nehme wie er ist, sind wir ein sehr gutes Team geworden. Er arbeitet inzwischen mit großer Begeisterung mit mir zusammen. Und auch »in seiner Freizeit« ist er stets an meiner Seite, wenn ich ihn brauche oder auch einfach «nur« rufe. Ich bin stolz auf ihn, dass er sich so toll entwickelt hat, er ist ein echter Kerl mit viel Humor, aber auch einer großen Ernsthaftigkeit und Konzentration, wenn es die Situation erfordert.

Er braucht zwar viel Aufmerksamkeit und fordert sie auch ein, ob das draußen sein Jagdtrieb ist, seine unbändige Energie und sein großer Bewegungsdrang oder Zuhause unbedingt Körpernähe zu brauchen und am liebsten immer Kuscheln zu wollen.

Inzwischen hat er zwar gelernt, auch alleine runterzufahren und zu schlafen, wenn wir irgendwo drinnen sind, aber man merkt ihm an, er hat viel Nähe nötig, um wirklich aufzutanken und ruhig und entspannt zu werden.

Ich liebe ihn für all das und er passt in mein Leben und zu mir. Er hält mich wach und fit und kreativ.

Aber ob ich mir bewusst nochmal so einen Hund aussuchen würde? Eher nicht 😉