Wichtiger als gute Erziehung: die richtige Sozialisierung

Einen Hund gut zu sozialisieren, bedeutet, ihn gesellschaftsfähig zu machen. Da uns unsere Hunde heutzutage fast überall begleiten, müssen sie sich schon früh an Dinge, wie Menschenmassen, LKWs, flatternde Markisen und Rollstühle gewöhnen. Um ihnen das so leicht wie möglich zu machen, sollte man seinem Vierbeiner all das in Vorbereitung auf sein Leben an unserer Seite zeigen.

Nur sehr zögerlich streckt Milo seinen Kopf nach vorne und schnuppert verhalten nach dem Leckerli in der Hand. Er fasst etwas Mut, schnappt es sich blitzschnell und verschwindet damit wieder unter den Küchentisch, um es dort in Sicherheit zu vertilgen.

Das war vor 7 Jahren, ein paar Tage nach seiner Ankunft in Deutschland. Milo ist ein Hund aus dem spanischen Tierschutz, der in seinen ersten Lebensmonaten, also in der wichtigen Prägungsphase eines Hundes, nicht viel kennengelernt hat. Entsprechend zeigte er Unbekanntem gegenüber sehr lange große Unsicherheit.

Eine gute Sozialisierung des Vierbeiners ist unerlässlich, um ihn zu einem angenehmen Begleiter zu machen, der entspannt auf neue Dinge zugehen kann.

Hunde sind die einzigen Tiere, welche den Menschen als vollwertige Sozialpartner anerkennen und seine Gegenwart oft sogar die der Artgenossen vorziehen. Das ist für uns eine hohe Verantwortung, der wir uns bewusst sein sollten.

Bevor wir unseren Hund vielen Umwelterfahrungen aussetzen, sollten wir ihm Sicherheit und Vertrauen geben. Mit uns im Rücken kann er neugierig durch die Welt gehen, weil er weiß, wo er Schutz findet.

Das erreicht man, indem man seinem Hund immer wieder beweist, dass man Führungsqualitäten besitzt, also Entscheidungen ruhig und souverän durchsetzt. Setzt ihr euch zum Beispiel eurem Hund gegenüber regelmäßig durch, traut er euch auch zu, dass ihr ihn sicher durch sein Leben zu führt und ihr euch sogar potentiellen Feinden gegenüber behaupten könnt. Er traut euch zu, die richtigen Entscheidungen zu treffen und stellt euch nicht andauernd in Frage.

Führen bedeutet auch, dass man sich als Mensch von Anfang an seinem Hund gegenüber abgrenzen kann und ihm nicht ständig das Gefühl gibt, man habe nur Augen und Ohren für ihn und sonst nichts Besseres zu tun. In einem wilden Wolfs- oder Hunderudel wird in erster Linie nach dem Führer geschaut. Wo geht er hin? Wie verhält er sich in neuen Situationen oder auch bei Gefahr? Ist er entspannt, ist das Rudel entspannt.

Wenn ein Hund nicht weiß, wo er im Rang steht, ist er in der Regel überfordert.

Mit ständiger Aufmerksamkeit auf euren Hund, suggeriert ihr ihm einen falschen Status. Er fühlt sich zu einer Entscheidung gezwungen, anstatt sich ganz einfach an euch zu orientieren. Und da die wenigsten unserer Vierbeiner von Anfang an souverän und cool sind, fangen sie zum Beispiel an, den riesigen Bus oder den großen Schäferhund anzubellen oder vor ihm zu fliehen und nicht zusammen mit euch einfach vorbeizulaufen. Zwar wird er das anfangs bestimmt mit riesigen Augen machen, jedoch ohne Panik, denn sein Mensch vermittelt ihm durch sein Verhalten, dass keine Gefahr besteht.

Sammelt der Hund früh viele Umwelterfahrungen, kann er sich auch später besser mit unbekannten Situationen auseinandersetzen.

Ob euer Hund nun auf dem Land oder in der Stadt aufwächst, er sollte von beiden Welten so viel wie möglich kennenlernen, denn man fährt sicher mal zusammen in den Urlaub oder die Lebenssituation verändert sich.

 Hundebegegnungen

Zeigt eurem Hund, dass es andere Hunde in jeglicher Größe, unterschiedlichen Alters, mit platten und langen Nasen, mit extrem viel Fell oder Falten gibt und dass diese oft körpersprachlich verschieden agieren. Besucht er nur die Welpenstunde, lernt er in erster Linie, dass man ungestraft potentielle Spielpartner umrennen darf oder dass man als Mobbingopfer herhalten muss. Nur ein älterer Hund kann ihm angemessen die Grenzen aufzeigen. Achtet darauf, dass er gerade anfangs nur mit gut sozialisierten Hunden in Kontakt kommt, damit er nicht gleich schlechte Erfahrungen macht.

Beachtet, dass außerhalb des eigenen Rudels kein Welpenschutz existiert, nur ihr als Halter können ihn schützen, indem ihr euch auch mal vor ihn stelt, wenn er überfordert ist oder ihr bei einer Hundebegegnung kein gutes Gefühl habt.

Stadt

Lauft die ersten Male durch ruhigere Wohngebiete und lasst ihn dort in Ruhe schnüffeln und schauen und geht nicht sofort durch die Innenstadt oder an den Bahnhof. Wenn es in die Stadt geht, am besten auch nicht gleich samstags zur stundenlangen Shoppingtour, damit wäre jeder Hund schnell überfordert. Es sind einfach zu viele Reize auf einmal, von den ganzen Gerüchen mal abgesehen. So viele Menschen, Kinder, alte Leute mit Krücken, Betrunkene, knatternde Mofas, glatte Böden, Gitterböden, Aufzüge… Geht lieber öfter und dann kurz mit ihm in die Stadt, dann muss er nicht alles auf einmal verarbeiten.

Besucht auch den Stadtpark mit eurem Hund, damit er Jogger und Radfahrer kennenlernt und nicht denkt, die Menschen rennen bedrohlich auf ihn zu.

Andere Tiere

Lasst euren Vierbeiner andere Tiere beobachten. Katzen, Pferde, Kühe, Schafe und Hühner, alles, was ihr so in eurer Umgebung oder auf einem Ausflug findet. Sogar in manche Zoos darf man seinen Hund mitnehmen.

Kinder

Kinder sind für Hunde oft kleine sehr unberechenbare Wesen, die plötzlich rennen, fallen, schreien, aufspringen und Dinge werfen. Wenn es die Möglichkeit gibt, lasst euren Hund erstmal mit Kindern zusammentreffen, die Hunde gewöhnt sind und dadurch ruhiger mit ihnen umgehen. Lasst ihn keinesfalls mit Kindern alleine, sondern habt immer ein Auge drauf.

Geräusche

Damit der Hund nicht geräuschempfindlich wird, gewöhnt ihn von Anfang an an klappernde Töpfe, fallende Bücher, laute Züge. Nehmt bei eurem Welpen zu Hause nicht zu viel Rücksicht, wenn er schläft. Bewegt euch ganz normal durch das Haus, denn er soll lernen, auch bei Lärm zur Ruhe zu kommen.

Achtet darauf, euren Hund nicht zu überfordern, ihr habt genug Zeit, ihm die Welt zu zeigen.

Egal was für Abenteuer ihr mit eurem Hund unternehmt, er sollte nicht überreizt werden. Fängt er an zu hecheln oder gar zu zittern, ist er gar nicht mehr zur Ruhe zu bekommen, ist es ihm zu viel. Er muss nicht jeden Tag etwas Neues kennenlernen, denn er braucht dazwischen Entspannung, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Tage mit viel Schlaf und Döserei, kurzen reizarmen Spaziergängen sind genauso wichtig für die Entwicklung.

 

Inzwischen hat Milo das meiste nachholen können und er sieht, bis auf lauten Knallgeräuschen, auch neuen Situationen gelassen entgegen.

Auch das ist also möglich, dass ein Hund die Sozialisierung weitestgehend nachholt. Je nach Charakter des Hundes dauert es länger und erfordert mehr Geduld und Know-How.

Von Aimo zu Milo und wieder zurück

Vor 7 Jahren hob ich einen Hund namens Aimo aus einem stinkenden spanischen Transporter. Da war mir noch nicht klar, was ich alles mit diesem Kerl erleben würde. Das ist die kurze Geschichte über eine lange, unglaubliche Entwicklung eines ängstlichen, verdreckten Straßenhundes aus Barcelona, der zu einem stolzen, schönen Begleithund in Wiesbaden wurde. 

 

»Mein Gott, wie sieht der denn aus?!«, dachte ich, als ich ihn mir zu Hause näher betrachtete. Er blinzelte mich vorsichtig an. Als würde er fragen, »so schlimm?« und blieb sicherheitshalber unter dem Küchentisch sitzen. Mit seinem hängenden Kopf, seiner buckligen Körperhaltung, dem stumpfen, struppigen hellbraunem Fell mit kahlen Stellen, dafür Knochen, die an Hüfte und Rippen herausragten, bot er nicht gerade ein ansehnliches Bild. Dazu stank er bis zum Himmel nach Straße, Müll, Dreck, Stress und Krankheit, irgendwie süßlich, faulig.

Ungefähr 3 Jahre sollte er alt sein, doch er wirkte steinalt, nicht nur körperlich, auch seine Augen. Diese wirkten jedoch nicht müde, sondern wissend. Sein Blick, fast weise. Ich hatte auf der einen Seite sehr viel Respekt vor ihm und auf der anderen Mitleid.

Eine Tierschützerin in Spanien hatte lange versucht ihn einzufangen, bis sie sein Vertrauen erlangte und es ihr gelang. Sie wollte ihn nicht sterben sehen. In dieser Gegend werden die Hunde mit Absicht überfahren, erschossen und vergiftet. Sie nannte ihn Aimo »der Liebe«, doch ich empfand ihn damals nicht als sehr liebenswürdig und machte aus Aimo einfach Milo, das machte für ihn keinen großen Unterschied.

Wurde Milo von Menschen bedrängt, knurrte er tief und zeigte all seine Zähne und ging auch mal bellend nach vorne. Dazu hatte er Angst vor Fahrrädern, Autos, Kinderwägen, Tüten, Schirmen, Hüten, Schildern vor Läden, Joggern, rennenden Kindern, Zigarettenrauch, Gewitter, Feuerwerk und sogar vor stärkerem Wind. Bei diesen Dingen knurrte er nicht, sondern erstarrte und zitterte am ganzen Körper, hyperventilierte fast bis zur Ohnmacht und versuchte irgendwann zu fliehen.

Da ich mich mit angstaggressiven Hunden auskenne, kam er zu mir. Ich hatte davor schon eine Hündin aus schlechter Haltung geholt, die anfangs direkt zubiss, wenn sie Angst bekam und ich es nicht schnell genug für sie regelte. Milo sollte eigentlich von mir vermittelt werden, sobald er bereit dazu und gefestigter war.

Heute, fast 7 Jahre später, sitzt er immer noch in meiner Küche, aber nur, wenn er auf sein Futter wartet und nicht mehr unter dem Tisch. Ansonsten hat er sich entschieden, einfach bis an sein Lebensende an meiner Seite zu bleiben und diese Entscheidung hat er erfolgreich mit viel Charme durchgesetzt.

Seine Entwicklung ist einzigartig. Es war ein Weg mit vielen Höhen und Tiefen, Fortschritten und auch Rückschlägen, Lachen und Heulen, Hoffnung und Verzweiflung. Es hat sich mehr als gelohnt und Milo hat nicht nur viel von mir gelernt, ich kann fast sagen, ich habe noch mehr von ihm gelernt. Ich bleibe ruhiger, lasse jedem seine Zeit, die er für einen Lernprozess braucht, atme regelmäßiger ruhig in den Bauch, bin aufmerksamer im Hier und Jetzt und gehe insgesamt gelassener durch`s Leben. Milo hat ein bisschen Spanien in meinen Alltag gebracht.  Mit Druck und Schnelligkeit habe ich bei ihm nie etwas erreicht, da macht er dicht und »redet« einfach gar nicht mehr mit mir. Als ich ihn zum Beispiel an Menschen in der Stadt gewöhnen wollte, ging er mit mir nur weiter, wenn ich selbst ruhig und souverän voranging. Mit so einer Person an seiner Seite konnte er auch cool bleiben. Das heißt, ich musste meistens nichts an ihm korrigieren, sondern nur mich selbst in meinem Verhalten.

Wer ihn jetzt kennenlernt, kann sich kaum vorstellen, was für ein armseliger Hund er war. Sein Fell ist nun dicht und schön, sein Körper gut bemuskelt  und sein Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen ist fest. Er hat es geschafft, 95 Prozent seiner Ängste zu bewältigen. Sogar bei Gewitter ist er entspannt. Übrig ist nur eine bestimmte Art von Knallgeräuschen, wie Böller oder ein Gewehrschuss, die ihm starke Angst machen. Er kommt jedoch zu mir, wenn es knallt und läuft nicht weg.

Ich kann Milo überall mit hinnehmen, er fällt immer positiv auf, da er einfach gut hört und ich mich auf ihn verlassen kann. Er läuft ohne Leine mit mir durch die Straßen, schaut niemanden schief an, trottet einfach seinen Weg und sieht dabei irgendwie zufrieden aus. Ohne übertrieben nach mir zu schauen, ist er ständig wie zufällig in meiner Nähe. Er wirkt nicht wie ein trainierter Hund und trotzdem hält er an jeder Straße an, wartet bis ich rübergehe und schließt sich mir selbstverständlich an. Setze ich mich an einen Tisch, legt er sich unter diesen, ohne dass ich etwas sagen muss. Sage ich unterwegs zu jemandem »Hallo!«, schaut er diese Person an und wedelt mit der Rute. Kommt uns ein angeleinter Hund entgegen, läuft er nah bei mir  und schaut einfach geradeaus. Freilaufende Hunde begrüßt er freundlich oder läuft in einem Bogen vorbei, je nach Hund.

Milo will einfach keinen Stress, denn den hatte er in seinen ersten Jahren zu genüge. Er geht Konflikten aus dem Weg, außer es muss sein, dann sagt einem Rüden oder aufdringlichem Junghund auch mal kurz, heftig, bestimmt und angemessen Bescheid.

Mit ihm zusammenzuleben ist eine absolute Bereicherung. Ich bin sehr dankbar für diese Freundschaft. Jetzt nenne ich ihn ab und zu wieder Aimo.